Großelternbrief Nr. 10

Zitat: Das Leben ist bezaubernd, man muss es nur durch die richtige Brille sehen. (Alexandre Dumas der Jüngere)

Liebe Großeltern,
Brillen sind eine segensreiche Erfindung, um den Durchblick zu behalten. Was täte ich wohl ohne meine Augengläser und die Ersatzbrillen für die Gartenarbeit, das Thermalbad, die Arbeit am Bildschirm? Wenn ich in Urlaub fahre, liegen in meiner Handtasche mehrere Brillenetuis.
Was den Blick aufs Leben angeht, tragen wir ebenfalls eine Sammlung von Brillen mit uns herum. Angefangen von der rosaroten, bis zur tiefschwarzen. In unserer toleranten Gesellschaft kann es jeder handhaben, wie er will. Nur in Bezug auf die Enkelfamilie sollten wir achtsam sein, durch welche Brille wir schauen wollen.
Erziehung ist ein »vermintes Gelände« und darum mit äußerster Vorsicht zu betreten in dem Wissen, dass wir nicht mehr die Erziehungsberechtigten sind. (Zum Glück!) Wir tragen nicht die Verantwortung für Verbote oder Erlaubtes. Genau diese Verantwortung oder das Nichtverantwortlichsein ist der springende Punk, der Spaltkeil, der Anlass für Zwistigkeiten. Weil wir es einfach nicht lassen können. Weil wir ungebeten doch unsern Senf dazu geben müssen. Eine kleine Bemerkung, was noch das harmloseste wäre, ein bisschen Sarkasmus, gewürzt mit Ironie. Vielleicht noch die eine Familie gegen die andere ausspielen.
Nicht einmischen, gut und schön, was aber, wenn unsere Sorge berechtigt ist? Wenn wir wirklich nur helfen wollen?
Tauschen Sie doch mal die Brille. Gestehen Sie sich ehrlich ein, durch welche Brille Sie das Ganze momentan betrachten. Etwa durch die Brille der Eifersucht? Was mussten Sohn oder Tochter auch diesen Partner, diese Partnerin heiraten? Sie haben es doch gleich gewusst, das kann nicht gut gehen!
Setzen Sie Ihre Bedenkenbrille ab. Vielleicht glauben Sie, gehört es zum guten Ton, zu einer guten Großmutter, einem guten Großvater, immer und überall Bedenken zu äußern und das Haar aus der Suppe zu fischen.
Sollten Sie jetzt sagen, das alles betrifft mich nicht, weil ich mich nämlich überhaupt niemals einmische, mich gar nicht interessiert, was die jungen Leute tun, sind Sie auch auf dem falschen Dampfer. Wer so autonom leben will, wird zum Egoisten, zu einem selbstbezogenen Menschen, der Kindern und Enkeln nichts zu geben hat.
Ich rate Ihnen zur Gelassenheitsbrille. Sie werden sehen, die passt hervorragend und steht Ihnen ausgezeichnet!
Denn Erziehungsstile kommen und gehen, das war schon zu unserer Zeit so. Erst stillten wir unsere Babys alle vier Stunden, mit Ausnahme der Nacht. So sollten die Kleinsten an den Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnt werden. Bald darauf hieß es: stillen nach Bedarf, jedes Baby findet seinen eigenen Rhythmus. Bis vor wenigen Jahrzehnten gehörte mal ein richtiger »Hinternvoll« zu jeder ehrenhaften Erziehung, heute ist bereits ein Klaps verpönt.
Früher machten Eltern grundsätzlich keine Fehler, weshalb eine Entschuldigung sich erübrigte. Heute entschuldigen sich Eltern in einem Fort, werden kleinste Kinder um ihre Meinung gefragt und ihnen die Entscheidung als volle Verantwortung aufgebürdet. In manchem wird es Oma oder Opa wirklich schwer fallen, sich auf die Zunge zu beißen und eines Kommentars zu enthalten. Doch was würde es bringen? Unzufriedenheit, Gereiztheit, Streit. Und ändern würde sich letztendlich gar nichts.
Also sollten wir Großeltern Toleranz lernen und Respekt. Respektieren Sie einfach, wenn Ihre Kinder, weil auf dem Bio-Trip, sämtliche Süßigkeiten verbieten und statt dessen ausschließlich rohes Obst und Nüsse anbieten. Holen Sie nicht hinterm Rücken der Eltern die Schokolade hervor und lassen die Enkel heimlich naschen. Wenn die Kleinen Sie darum anbetteln, fragen Sie zusammen mit ihnen die Eltern. Schließen Sie keine unheilvollen Bündnisse und bringen die Enkel in einen Loyalitätskonflikt zwischen Eltern und Großeltern. Spielen Sie immer mit offenen Karten. Dann kann gegenseitiges Vertrauen wachsen und viele Eltern drücken auch ein Auge zu, wenn Oma und Opa es nicht gleich wieder übertreiben.
Und noch eins: triumphieren Sie nicht zu offen, wenn Ihre Kinder schließlich vom Pfad der Extreme in liberalere Wege abbiegen. Jeder kommt irgendwann auf den Boden der Tatsachen zurück, der eine früher, der andere später. Wir müssen nur abwarten können. Und Geduld sollte eine Großelterntugend sein.
Einen entspannten Umgang mit Ihren Enkeln wünscht Ihnen
Marianne Kopp

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