Großelternbrief Nr. 34

Zitat: Auch im vornehmsten Stammbaum gibt es hin und wieder Astlöcher. (Werner Mitsch)

Liebe Großeltern,
Mancher Ast wurde nur deshalb vom Stamm entfernt, weil er im Wege war. Er war zwar gesund, trug Blätter und Früchte, jedoch blockierte er den Raum oder die Ästhetik. Übrig blieb nur das Astloch, als stummer Beweis dafür, dass dieser Baum ursprünglich anders gewachsen war. Nachdem wir uns inzwischen der Bedeutung jedes Baumes bewusst geworden sind, entfernen wir Äste nur noch bei zwingenden Gründen. Unser Umweltbewusstsein ist gewachsen und die Sensibilität, was Bäume betrifft, mit.

Unsere Vorfahren kannten die Bedeutung der Bäume als Sinnbild für Wachstum und Ernte. Eine Sippe glich darum einem Baum, dem Stammbaum. Die Alten bildeten die Wurzel oder den Stamm, ihre Nachkommenschaft die Krone. Je weitverzeigter diese Krone war, desto zahlreicher war die Nachkommenschaft. Am liebsten waren natürlich solche Nachkommen, die sich ganz im Sinne der Familie verhielten.
»Baumpflege« ist eine kleine Wissenschaft. Wer sich darin nicht auskennt, kann den Baum verstümmeln. Im schlimmsten Fall geht er sogar ein. Wer einen Baum geschickt beschneidet, freut sich im Herbst über eine gute Ernte. Die Spuren solcher Beschneidung bleiben für immer sichtbar.
Wer in einer Sippe nicht konform ist könnte zu solch einem »Astloch« werden. Totgeschwiegen, Namen, die man nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt. Namen, die man in der Familienchronik unterschlägt, weil sich die Träger auf irgendeine Weise nicht richtig verhalten oder verhielten. Vielleicht haben sie Geld verspielt, die falsche Frau, den falschen Mann geheiratet, sind der Familienlinie untreu geworden, machten sich strafbar oder schändeten auf andere Weise die Familienehre.
Oft aber haben sie gar nichts Schlimmes, Spektakuläres oder Verdammenswertes getan, sondern sind einfach nur ihrem eigenen Denken und Wollen gefolgt. Und das reichte, sie auszugrenzen.
Vielleicht sind Sie ja selbst so ein »Astloch«, das ins Abseits gestellt wurde, weil es nicht bereit war, sich in die Familienherde einzureihen.
Manchmal schert ein Kind aus und geht seine eigenen Wege. Was dann tun? Zwingen oder erpressen sind keine akzeptablen Wegen, so nach dem Motto: Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu tun, was ich dir sage! Damit stoßen wir solche Kinder auf Abwege. Sollte Ihnen dieser Fehler unterlaufen sein, wäre es an der Zeit, durch ein Gespräch Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, damit ein Familienmitglied im Abseits wieder als vollwertig gelten kann, auch wenn es anders lebt als der Rest der Familie.
Ihre Aufgabe, liebe Großeltern ist es außerdem, darauf zu achten, dass keines Ihrer Enkel zum »Astloch« wird.

Einen entspannten Umgang mit Ihren Enkeln
Wünschen Ihnen Marianne und Reinhard Kopp

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