Großelternbrief Nr. 38

Angesichts eines Widerstandes, der unmöglich zu brechen ist, ist Sturheit eine dumme Haltung. (Simone de Beauvoir)

Liebe Großeltern,
wie kompromissfähig sind Sie? Das Miteinander funktioniert nun einmal nur, wenn jeder auf den anderen zugeht oder alle ein wenig zurückstecken. Nun gibt es ja in jedem Umfeld solche, die sich stur stellen, die nie zurückstecken. Wenn einer, um des lieben Friedens willen, immer wieder bereit ist, anderen den Vortritt zu lassen, scheint es eine eindeutige Gewinner-Verlierer-Situation zu sein.
Vor vielen Jahren begegneten sich auf einer schmalen Brücke einmal zwei stadtbekannte Männer, die sich nicht ausstehen konnten. »Ich gehe keinem Esel aus dem Weg!«, rief der eine schon von weitem aufgebracht, »aber ich tue das gern!«, erwiderte der andere, trat zur Seite und ließ den Wüterich vorbei. Es ist doch wohl eindeutig, wer hier Größe besaß, oder? Glauben Sie darum nicht, Nachgiebigkeit sei ein Zeichen von Schwäche, das Beharren auf einem Standpunkt ein Zeichen der Stärke. Leichter haben es im Leben auf alle Fälle die, die in der Lage sind, Standpunkte zu überdenken und Kompromisse einzugehen.
Es gibt manches, wo wir wirklich kompromisslos sind, in Sachen Alkohol zum Beispiel. Wir waren unser ganzes Leben Null-Promille-Menschen, aus freier Entscheidung, nicht, weil es einen persönlichen Anlass dafür gab. Werden wir eingeladen, lehnen wir entsprechende Getränke ab, freundlich, aber bestimmt.
So gibt es auch noch andere Haltungen, die für uns nicht verhandelbar sind.
Dafür aber gibt es eine viel größere Anzahl von Gelegenheiten, bei denen wir uns gerne nach der Mehrheitsmeinung richten und nicht auf unserem Standpunkt beharren. Und wir können Ihnen versichern, wir genießen in unserm Umfeld Akzeptanz, auch wenn wir den angebotenen Sekt nicht trinken. Denn alle wissen, was die Alkoholfrage betrifft, bleiben wir stur, jedoch, wenn ein anderer stur darauf beharrt, das letzte Käsebrötchen zu bekommen, suchen wir uns ohne Groll etwas anderes. Wir haben keine geschlossene Mauer der Kompromisslosigkeit gebaut, in unserm Bauwerk gibt es viele Lücken, durch die man zu uns gelangen kann. Wir haben uns nicht eingekesselt oder in einer Burg verschanzt. Wir leben unsere Standpunkte lebendig und offen gegenüber Familie, Freunden und unserm gesamten Umfeld. Wir akzeptieren uns gegenseitig mit unsern Stärken, Schwächen und Macken. Genauso halten wir es unsern Enkeln gegenüber und deren Eltern. Ein Leben, das bis jetzt sehr gut funktioniert.
Einen entspannten Umgang mit Ihren Enkeln wünschen Ihnen
Marianne und Reinhard Kopp

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