{"id":283,"date":"2016-02-09T10:16:52","date_gmt":"2016-02-09T10:16:52","guid":{"rendered":"http:\/\/grosselternakademie.de\/page\/?p=283"},"modified":"2023-05-09T11:23:50","modified_gmt":"2023-05-09T10:23:50","slug":"grosselternbrief-nr-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/grosselternakademie.de\/page\/2016\/02\/grosselternbrief-nr-14\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfelternbrief Nr. 14"},"content":{"rendered":"<p>Zitat:<br \/>\nWer einen Menschen bessern will, muss ihn erst einmal respektieren.<br \/>\nRomano Guardini<\/p>\n<p>Liebe Gro\u00dfeltern,<br \/>\nSeitdem ich erfahren habe, wie wertvoll Linsen f\u00fcr die Ern\u00e4hrung sind, steht diese H\u00fclsenfrucht mindestens einmal w\u00f6chentlich auf unserem Speiseplan. Und dann merke ich sie, die Kluft zwischen dem Geschmack unserer Enkelkinder und dem, was wir gerne essen. Den Kleinen steht, ganz klar, der Sinn nach Pommes mit Ketchup oder Nudeln. Wie also umgehen mit diesem Unterschied?<br \/>\nIch k\u00f6nnte ihnen ja einen Vortrag dar\u00fcber halten, wie gesund mein Essen ist. Ich k\u00f6nnte mit Nachdruck kraft meiner Autorit\u00e4t darauf bestehen, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt, so haben es schon meine Gro\u00dfeltern gehalten, so wurden mein Mann und ich erzogen. Und sp\u00e4testens dann w\u00fcrden ungute Erinnerungen in mir aufsteigen. Ich sehe mich noch an unserm runden Esstisch sitzen, meine Oma tr\u00e4gt die abendliche Milchsuppe auf, die ich so sehr hasste. Mir wurde schon schlecht beim Anblick der Milchhautfetzen, die \u00fcber den aufgequollenen Nudeln waberten. \u00bbFischen\u00ab war verboten, Milchhautfetzen diskret an den Rand schieben auch. Auch das auf den Tellerboden sinken lassen und drumherum essen wurde sofort entdeckt. Unter den wachsamen Augen der Erwachsenen musste ich dann gehorsam diese ekligen Milchhautfetzen l\u00f6ffeln. Den aufkommenden Brechreiz hatte ich zu unterdr\u00fccken, wollte ich nicht noch ein paar Ohrfeigen kassieren. Das anschlie\u00dfende Bauchgrummeln ins Feld zu f\u00fchren h\u00e4tte ich mich nie getraut.<br \/>\nNein, das soll keine versp\u00e4tete Abrechnung mit meiner Familie sein. Ich kann sie heute verstehen: Milch galt damals, als ich noch klein war, als Quelle der Ern\u00e4hrung und war billig. Meine Eltern hatten es finanziell nicht so dicke, aber sie konnten klug wirtschaften und so fehlte es uns Kindern an nichts. W\u00fcnschen und Wollen waren f\u00fcr sie als Kinder Fremdworte gewesen. Das hatte zu einer Lebenshaltung der Selbstdisziplin und des Gehorsam gef\u00fchrt. Nicht die schlechtesten Eigenschaften, wenn sie nicht \u00fcbertrieben werden. Also wurde das Prinzip weiter gereicht. Doch auch meine Eltern&nbsp;waren lernf\u00e4hig. Das j\u00fcngste unserer Geschwister durfte sich die Milch dann sieben.<br \/>\nIch habe Milch mein Leben lang gehasst, nicht mal im Kaffee wollte ich sie haben. Auch Puddings sind nicht unbedingt meine Lieblingsspeise und beim Eis musste ich vorsichtig sein. Erst nachdem ich herausgefunden habe, dass ich an einer Lactoseintoleranz leide, entspannt sich mein Verh\u00e4ltnis zur Milch wieder, denn es gibt entsprechende Medikamente und Milchprodukte.<br \/>\nEin wertvoller Rat, den ich vor vielen Jahren in einem Erziehungsbuch fand, hat mir geholfen, die leidige Frage von \u00bbdas mag ich nicht\u00ab beim Essen zu l\u00f6sen. \u00bbPobier mal\u00ab, lautete die Zauberformel, die keine Bitte, sondern eine Aufforderung war. Ein wenig von dem verschm\u00e4hten Essen musste jedes Kind probieren. (Darunter waren nie wei\u00dfe Bohnen oder \u00c4hnliches.) So wurde jeder M\u00e4kelei schon von vornherein die Spitze genommen und das Kind konnte sich nun aufgrund von Tatsachen ein richtiges Urteil bilden. Es schmeckt mir nicht, weil\u2026 So lernten meine Kinder zu argumentieren und nicht einfach nur \u00bbb\u00e4h\u00ab zu sagen. Und sie lernten, dass Essen eine sensible Angelegenheit ist, bei der man ordentlich ins Fettn\u00e4ppchen treten kann. Denn wer will schon seine Gastgeber beleidigen, indem er sich mit Abwehrhaltung an den Tisch setzt? Meine Kinder durften ihre Vorlieben und Abneigungen leben. Ich habe mich weitestgehend danach gerichtet und sie nicht gequ\u00e4lt mit Mahlzeiten, die ihnen in schrecklicher Erinnerung bleiben w\u00fcrden. Und dennoch erz\u00e4hlen sie heute mit schauriger Wonne von dem einen oder anderen Gericht, das ihnen so zuwider war wie mir einst die Milchnudeln. Doch inzwischen sind sie \u00e4lter und ihr Geschmack beginnt sich zu wandeln. Auch sie haben Linsen sch\u00e4tzen gelernt.<br \/>\nDoch was mache ich in so einer Situation mit meinen Enkeln? Klar, ich schiebe Pommes in den Backofen, denn ich bin nicht ihre Mutter. Das Erziehen \u00fcberlasse ich den dazu Berechtigten. Ganz unter uns: Pommes gibt es h\u00f6chstens mal aller zwei Wochen, die andere Zeit essen sie in der Schule, im Kindergarten oder daheim. Und da werden richtige Mahlzeiten verabreicht. Und wer wei\u00df, vielleicht beginnen sie eines Tages auch, Linsen zu m\u00f6gen?<\/p>\n<p>Einen entspannten Umgang mit Ihren Enkeln w\u00fcnscht<br \/>\nMarianne Kopp<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zitat: Wer einen Menschen bessern will, muss ihn erst einmal respektieren. Romano Guardini Liebe Gro\u00dfeltern, Seitdem ich erfahren habe, wie wertvoll Linsen f\u00fcr die Ern\u00e4hrung sind, steht diese H\u00fclsenfrucht mindestens einmal w\u00f6chentlich auf unserem Speiseplan. 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