Unsere Antwort an Boris Palmer

Herr Palmer, in meiner Kindheit kursierte in den 60er Jahren bei uns in der DDR ein „Witzbrief“, der, wenn ich mich richtig erinnere, wie folgt begann: „Da Ihre schändliche Figur nicht mehr für den Aufbau des Sozialismus taugt, bitten wir Sie sich am soundsovielten beim Krematorium soundso einzufinden. Mitzubringen sind: eine Zeitung für Ihre Knochen, ein Napf für Ihr Fett…“ Auf diese Weise wurde der menschliche Körper fein säuberlich in seine Bestandteile zerlegt und unsere Eltern fanden es voll witzig. Erst viel später ist mir der faschistoide Hintergrund dieses angeblichen Witzes bewusst geworden. An diesen Witzbrief, den ich gar nicht witzig finden kann, musste ich denken, als ich gestern von Ihren Äußerungen über hochbetagte Menschen las. Für mich klang das ähnlich, etwa so: „da Ihr fortgeschrittenes Alter keine Effizienz mehr hat, ist es wirtschaftlich und medizinisch nicht mehr vertretbar, dass wir an Sie noch weiteren Aufwand verschwenden. Ob ein paar Monate früher oder später, Sie werden sowieso in absehbarer Zeit sterben müssen…“

Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, aber heutzutage gibt es Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, wo besonders ältere Menschen festlegen können, ob Sie lebensverlängernde Maßnahmen wollen oder nicht. Sie brauchen also nicht zu befürchten, dass den Jüngeren ein Haufen alter, unbrauchbarer, seniler Greise den Platz an den Beatmungsgeräten streitig machen könnte.

Aus Ihren Worten spricht für mich eine tiefe Verachtung für alte Menschen. Auch wenn wir, nach vollbrachter Lebensleistung körperlich und manchmal auch geistig nicht mehr so fit sind wie in früheren Zeiten, so haben wir dennoch, auch im hohen Alter, der Gesellschaft etwas zu geben. Und wenn es „nur“ unsere Lebenserfahrung ist. Wir verkörpern eine Zeit, die es vor Ihnen gab, ohne uns gäbe es vieles nicht, was Ihnen und uns Fortschritt bedeutet. Auch könnte niemand aus den Fehlern lernen, die unsere Generation gemacht hat. Diese Fehler (wie z.B. die unbekümmerte Verwendung von Plastik), würde dann vermutlich Ihre Generation begehen und erst Ihre Nachkommen würden erkennen wie fatal ungebremster Fortschrittsglaube sich auswachsen kann. Aber wir Senioren sind lernfähig. Wir reparieren defekte Geräte, wir haben schon lange Stoffbeutel beim Einkauf dabei, wir leben und wirtschaften sparsam. Damit und bei vielem anderem sind wir als Vorbild für unsere Enkel dabei. Wenn Sie die Generation der Hochbetagten sozusagen „zum Abschuss“ freigeben, beginnen Sie, eine Generation zu opfern. Sie opfern Menschen, die Ihrer Meinung nach nur noch eine Biographie haben, die nach Ihrer Ansicht alles hinter sich haben und deshalb alles hinter sich lassen können. Je früher, desto besser. Aber hier irren Sie ganz gewaltig, Herr Palmer! Alte Menschen sind das Gedächtnis der nachfolgenden Generationen. Allein durch ihre Anwesenheit haben Sie etwas zu geben. Ob eine Gesellschaft menschlich ist und verantwortungsvoll, entscheidet sich nicht zuletzt an ihrem Umgang mit alten Menschen. Auch Hochbetagte haben nicht nur eine Biographie, sondern Zukunft. Und wenn es nur noch ein paar Monate sein sollten, wollen Sie sich anmaßen zu bestimmen, ob die noch lebenswert sind oder ob man einen Menschen um diese Zeitspanne bringen darf? Das erinnert mich stark an die Zeit des Dritten Reiches, wo sich eine Gesellschaft anmaßte darüber zu entscheiden, ob ein Leben noch lebenswert war oder nicht.

Meine Großmutter hätte Ihnen mit zittriger Stimme entgegnet: „Auch du wirst mal alt werden, Kind!“ Das wünsche ich Ihnen, dass Sie alt werden dürfen. Nicht als süße Rache für Ihre Äußerungen und deren Auswirkungen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Würde altern dürfen, betreut von einer Generation, die sich Ihre unsäglichen Äußerungen nicht zu Herzen genommen hat, sondern respektvoll und verantwortungsbewusst mit alten Menschen umgeht, weil die Würde jedes Menschen und jedes Alters unantastbar ist.

Buchtipp

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Mit Geduld durch die Krise

Keinen Kontakt zu den Enkeln. Die meisten Geschäfte sind zu, der Friseur auch und die Fußpflege. Arztbesuche vermeiden. Generationentreffs geschlossen, kein Vereinsleben, Reisen abgesagt, Urlaubsplanung hinfällig. Kein Zusammensein mit Freunden, Kaffeetrinken mit der ganzen Familie kann heikel werden. Spazierengehen am besten alleine,  aber nach Möglichkeit nicht auf der Bank verweilen.

Wie kommen wir durch diese Zeiten? Wir haben die Zeit genutzt und ein weiteres Buch zum Druck vorbereitet. Sobald Lockerungen auch für Senioren absehbar sind, wird der Druckauftrag erteilt. „Neugier aufs Dessert – Impulse für Großeltern“ enthält im Wesentlichen unsere bisher geschriebenen Großelternbriefe, die wir nochmal gründlich überarbeiten konnten, weil wir unverhofft Zeit dafür hatten. Jetzt schreiben wir an unserm zweiten Ratgeberbuch für christliche Großeltern. Ausgehend vom Buch Philemon bearbeiten wir Glaubensthemen und die besondere Verantwortung gläubiger Großeltern für ihre Enkel. Es geht um Fürbitte, Kommunikation, Verantwortung und vieles mehr.

Wir haben jetzt auch Zeit, uns unserm Garten zu widmen und sind gründlich bei der Sache. Wir lieben Kräuter und deren Heilwirkungen. Zwischen Mai und August bin ich dabei, Kräuter zu ernten und zu trocken für Tee und zum Würzen.  Unsere vier Kinder und deren Partner freuen sich stets über „Omas Kräuter“. Außerdem stelle ich gerne Blütensirup her. Wir beginnen jedes Jahr mit Löwenzahn. Weil ich dieses Jahr besonders viel Zeit dafür habe, werden es gleich ein paar Flaschen mehr, Kinder und Enkel wird auch das freuen.

So vertreiben wir uns die Zeit und üben uns in Geduld. Wir freuen uns schon darauf, wenn das Leben wir einigermaßen normal wird.

Bleiben Sie gesund!

Geschützt oder kaltgestellt?

In diesen Corona-Zeiten würden wir dringender gebraucht als jemals zuvor. Unsere Kinder sind am Anschlag, die Enkel fühlen sich eingesperrt. Stubenarrest, eine Strafe, die wir noch aus unserer Kindheit kennen, jetzt ist er staatlich angeordnet. Zuhause bleiben, heißt es. Die Enkel dürfen nur beaufsichtigt, in Begleitung Erwachsener, die eigenen vier Wände verlassen. Das, was manche Großeltern schon immer mit Sorge beobachtet haben, dass Enkel sich ihrer Meinung nach zu viel im Netz tummeln, jetzt wird es sogar von der Schule gefordert. Die Eltern müssen von daheim arbeiten und nebenbei noch den Haushalt versorgen, Wäsche waschen und Essen kochen. Wer kleinere Kinder hat, ist noch belämmerter dran, denn die wollen ständig bespaßt und beaufsichtigt werden. Alles Tätigkeiten, wie geschaffen für uns Großeltern. Wir könnten jetzt wirklich helfen, wenn – ja wenn wir dürften. Aber da hat die Politik rigoros einen Riegel vorgeschoben. Denn wir gehören zur Risikogruppe. Wenn wir jetzt helfen und uns anstecken, haben unsere Kinder nicht nur ihre eigenen Kinder an der Backe, sondern auch noch Sorge um uns.  Deshalb ist wirklich Vernunft angesagt. Es ist uns versprochen, es gibt ein Danach. Zwar, so wird es auch prognostiziert, wird die Wirklichkeit hinterher eine andere sein, aber so viel steht fest: danach werden wir auch noch gebraucht. Es gibt vieles, das im Enkelzuhause warten kann: Gartenarbeit, Frühjahrsputz. Da können wir auch später noch helfend eingreifen. Jetzt aber können wir mit den Enkeln telefonieren, skypen, Textnachrichten schreiben. Auf diese Weise dürfen wir in Verbindung bleiben, ihnen Mut zusprechen und Pläne schmieden für die Zeit danach.

Unsere Enkel sollten es uns wert sein, dass wir erstmal die Füße stillhalten und uns um unseren eigenen Gesundheitsschutz kümmern. Alles andere lässt sich später noch nachholen. Bleiben Sie gesund!