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Großelternbrief Nr. 26

Zitat: Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen – nein: unserer Enkelkinder! Bertha Freifrau von Suttner

Liebe Großeltern,
mit anderen Worten: Nicht für die Vorfahren, für die Nachfahren leben wir. Stellen Sie sich vor, Ihre Erbtante Amanda legt Ihnen bei Ihrem Ableben Dackeldame Elli ans Herz. Nun ist dieser Hund aber ein ziemlich giftiges Vieh, verwöhnt und aggressiv bis zum Gehtnichtmehr. Besonders, wenn Kinder in der Nähe sind. Warum Erbtante Amanda diesen Köter dennoch vergötterte, das Geheimnis hat sie mit ins Grab genommen. Nun also ist die Hundeleine an Sie gegangen. Gassigehen ist gesund und entspannend, nicht nur für den Hund, jedoch wenn Sie mit einer dermaßen verzogenen Töle unterwegs sein müssen, der blanke Horror. Die Enkelkinder werden schon von weitem mit Knurren und Wüten empfangen. Und kaum treten sie über die Schwelle, entpuppt sich Elli auch noch als Wadenbeißer. Also muss etwas geschehen. Vielleicht machen Sie sich Vorwürfe: Bin ich als Hundehalter ungeeignet, sollte ich eine Hundeschule besuchen oder einen Tierpsychologen konsultieren? Die Kinder drängen Sie, diesen verrückten Dackel ins Tierheim zu bringen oder einer Vertrauensperson zu übereignen. Es gäbe wirklich Leute, die damit umgehen könnten. Obwohl die Kinder Recht haben, schwanken Sie sehr. Schließlich haben Sie Erbtante Amanda auf dem Sterbebett ein Versprechen gegeben, was Sie inzwischen sehr leichtfertig finden. Aber darf Tante Amanda auf diese Weise über die nächsten Jahre Ihres Lebens bestimmen? Wer konnte auch ahnen, welche Trageweite so ein Versprechen haben und Sie vor die Entscheidung Hund oder Enkel stellen würde?
Meistens handelt es sich ja um ein ganz anderes Erbe, als einen Hund. Wir meinen nicht Haus und Hof, Auto oder Bankkonto. Sondern das, was wir ideelles Erbe nennen: eine Familienphilosophie, ein geistiges Erbe, besondere Fähigkeiten.
Wenn der Erbe eines Familienunternehmens sich entschließt, seine weiteren Tage anstatt im Chefbüro zu verbringen, als selbstversorgender Schafhirte durch die Lande zu ziehen, dann mag das zunächst als harter Bruch mit der Familientradition und fast als Verrat derselben anmuten. Undankbarkeit wird man ihm unterschieben und Verantwortungslosigkeit dazu. Aussteigertum wird heutzutage von der Gesellschaft noch immer naserümpfend beobachtet. Aber vielleicht tut dieser Mensch ja genau das Richtige, denn die Ressourcen auf unserm Planeten sind bekanntlich endlich. Jemand, der sich ernsthaft Gedanken um die nächsten Generationen macht, wird unpopuläre Entscheidungen treffen und den Bruch mit überlieferten Familienansichten riskieren. Nicht, weil wir unsere Vorfahren nachträglich zu Versagern und Dummköpfen stempeln wollen. Ganz bestimmt nicht, denn Ehre, wem Ehre gebührt! Doch eingedenk der Tatsache, dass sich die Erde immer weiter dreht, das Leben in den letzten Jahren eine dermaßen rasante Entwicklung genommen hat, dass einem ganz schwindlig werden könnte, müssen wir dran bleiben, sonst verlieren wir den Anschluss und setzen auf diese Weise das aufs Spiel, was unsere Vorfahren uns hinterlassen haben.
Einen entspannten Umgang mit Ihren Enkeln
Wünschen Marianne und Reinhard Kopp


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